Ziehen,

Klappen,

Wohnen

Vom Wohnwagen zum smarten Selbstversorger-Eigenheim: Das Tiny House ist eine clevere Alternative zu konventionellen Mietwohnungen und zeigt, dass auch 10 Quadratmeter zum Leben reichen können

Bevor man die zwei gläsernen Eingangstüren des Hauses öffnen kann, muss man erst einen Teil der großen Holztreppe ausklappen; die anderen, noch eingeklappten Treppenteile würden sich wunderbar als Terrasse eignen. Oben angekommen zieht sich Johannes Schelle, Gründer der baumbaron GmbH, seine Arbeitsschuhe aus und sucht nach dem passenden Schlüssel. Schließlich öffnet er die rechte Glastüre und tritt ein in sein selbst gebautes 10-Quadratmeter-Häuschen aus hellem Holz. Die Einrichtung ist überschaubar, in dem winzigen Raum befindet sich … nichts. Der Raum ist leer. Wenn man aber genau hinsieht, fallen eine weitere Holztüre und Fächer in der Wand wie im Boden auf, die man aufklappen, aufbauen und herausziehen kann.

Vom Motorhome der Zwanziger zum intelligenten Minihaus von heute

 

Mit seinem smarten Eigenheim ist Johannes Schelle längst nicht mehr alleine. Das Tiny House

ist einer der großen aktuellen Wohntrends und gilt als die heißeste Antwort auf drängende urbane Probleme wie Platzmangel in Großstädten. Dabei kamen die kleinen Häuschen schon in den 1920er-Jahren in den USA auf. Damals schlossen sich Auto- und Naturliebhaber zusammen und erfanden die kleinen, mobilen Wohnwagen, die sich durch den Ausbau der Straßen schnell verbreiteten. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden motorisierte Versionen der Anhänger, sogenannte „motorhomes“, die immer luxuriöser ausgebaut wurden. 

Über die Jahrzehnte verschwand die Thematik „Leben auf wenig Platz“ von der Bildfläche, bis

die Architektin Sarah Susanka 1998 das Buch „The Not So Big House – A Blueprint For the Way We Really Live“ veröffentlichte. Darin beschrieb sie das in ihren Augen perfekte Haus, das die Qualität seines Raumes der Quantität vorzieht. Im selben Jahr konnte sich Deutschland immer weniger von weltwirtschaftlichen Belastungen abkoppeln – Deutschland war wirtschaftspoli-tisch unsicher. Das Buch löste den Trend zum Downsizing aus, der sich auf einen reduzierten, nachhaltigen Lebensstil fokussiert.

 

Über 17 Euro pro Quadratmeter: Wer kann sich da noch ein großes Domizil leisten? 

 

Wohnraum ist teuer, ein Bauplatz heutzutage Luxus. Seit über 20 Jahren steigt der deutsche Wohnungsmietindex. Aktuell führt München mit einem Spitzenwert von 17,57 Euro pro 

Quadratmeter, gefolgt von Frankfurt am Main (13,90 Euro) und Stuttgart (13,48 Euro), die Liste der teuersten Wohnstädte in Deutschland an. Eine echte Alternative scheinen Tiny Houses

zu sein, die neben typischen Wohnmobil-Elementen eine heimelige und smarte Inneneinricht-

ung aufweisen können. 

 

Womit ein Wohnmobil oft nicht punkten kann, ist ein doppelter Boden, den es in den kleinen
Häusern gibt. Klappt man ihn auf, 
erscheinen ganze Möbelgarnituren, wie ein Tisch mit Sitz-gelegenheiten. Wie das funktioniert? Eine ein Quadratmeter große Holzplatte wird aus dem
Boden gehoben, darunter befinden sich ein Hohlraum und zwei Holzstützen, die nach oben geklappt werden. Darauf legt man die zuvor entfernte Holzplatte, die zur Tischplatte wird. Der Hohlraum darunter garantiert gleichzeitig Beinfreiheit. Ähnlich funktioniert das mit dem Bett,
das ebenfalls im doppelten Boden untergebracht ist. Darüber sind zwei Holzplatten befestigt,
die man schnell und einfach hochklappen und an der Wand befestigen kann.  
Falls man ein Buch oder andere Kleinigkeiten verstauen möchte: Mehrere kleine Gummizüge und Filztäschchen sorgen für Halt. So liegt man in dem 1,40 Meter breiten Bett wortwörtlich im Boden des Hauses und fühlt sich geborgen wie in einem kleinen Nest. 

 

Die kleinen Häuser dienen als Lebensraum oder Rückzugsort

 

Wohnkomfort auf 10 Quadratmetern zu ermöglichen ist schwierig, aber nicht unmöglich, haben Experten erkannt. Der Schlüssel zu einem Leben auf kleiner Fläche ist intelligentes Einrichten, minimalistisches Innendesign und Organisation. Johannes Schelle fertigt seit zehn Jahren Baumhäuser für Hotels und Privatpersonen an und erkannte früh das Potenzial der Tiny Houses – sowohl als Wohnalternative für geplagte Großstädter als auch für sich als zweites Standbein. Für sein erstes 10-Quadratmeter-Haus arbeitete er mit der Hochschule Rosenheim zusammen. 19 Innenarchitektur-Studentinnen und -Studenten tüftelten zwei Semester lang

an dem Tiny House. Dabei lag der Schwerpunkt nicht ausschließlich auf dem Design, sondern auch darauf, mithilfe ausgeklügelter Wohnideen ein smartes Eigenheim zu entwerfen. Da die 

Tiny-House-Bewegung auf dem Gedanken einer nachhaltigen Lebensweise basiert, ist auch das Thema Selbstversorgung sehr wichtig. Während Pflanzen auf dem Dach des Minihauses das Regenwasser filtern, speichert eine Fotovoltaikanlage Strom. Die Zielgruppe der winzigen Häuser, die in der Regel zwischen 40 000 und 60 000 Euro kosten, ist breit aufgestellt: von Konsum-Aussteigern, die autark leben möchten, über Großstädter, die auf der Suche nach einem Wochenenddomizil in der Natur sind, oder junge Studenten, die in überfüllten Städten keine bezahlbare Wohnung finden, bis zu gestressten Eltern, die einfach gerne einen Rück-zugsort haben möchten. Tiny Houses stoßen aus den unterschiedlichsten Gründen auf Interesse, weshalb auch die Ausstattung variieren kann: Während das Minihaus als Sonntags-Fluchtpunkt vielleicht gar keine sanitäre Einrichtung oder eine Küche benötigt, ist das für einen Studenten sehr wichtig.

Kochen mit Köpfchen:

So funktioniert’s!

 

Bevor man mit dem Kochen beginnen kann, muss man erst die Küche auf- und ausklappen. So ist es zumindest in dem Tiny House von Schelle. Wie bei einem Spiegelschrank im

Badezimmer öffnet man hier die Türchen zur Küche – und zum Vorschein kommen ein Waschbecken, eine Arbeitsfläche und viele Stauräume für Lebensmittel und Geschirr. Zieht man an verschiedenen Griffen, fahren ein großer Apothekerschrank, ein kleiner Kühlschrank oder ein mobiler Gasherd mit Rollen aus. Letzteren kann man neben den Esstisch ziehen und bequem im Sitzen kochen. So ist noch Platz für ein kleines Badezimmer, in dem

es nicht nur eine Komposttoilette, sondern auch eine Dusche gibt. Das Bad hat sogar etwas,
das die meisten Studentenwohnungen nicht haben: ein Fenster. Aus einem kleinen, integrierten Schrank neben der Toilette kann man eine Duschbrause ziehen, die mit gefilter
tem Wasser versorgt wird. Das Wasser perlt an dem mit Bootslack beschichteten Holz in einer modernen Edelstahl-Duschrinne ab, die zusätzlich platzsparend ist.

Warum das Exoten-Heim das Potenzial zum Mainstream hat

 

Platzsparend. Damit trifft das Tiny House den Nerv der Zeit. Das Potenzial des Minihauses, für
das man bis jetzt nicht einmal eine Baugenehmigung benötigt, hat auch das deutsche Einzel-handelsunternehmen Tchibo erkannt und drei verschiedene Varianten à 10, 15,8 und 20 Quad-ratmeter in sein Sortiment aufgenommen. Bei den großen Modellen gibt es eine zweite Etage,

die zum Schlafen genutzt werden kann.Das Tiny House zeigt, wie viel Raum man zum Leben braucht, und 10 Quadratmeter können dafür tatsächlich ausreichen, wie ein Berliner Künstler

bei einem Langzeit-Selbstversuch feststellte: Am Ende seiner sechs Monate dauernden Performance im Tiny House rief er sogar zu einer Hausbesetzung auf, weil er sich an den Platz in dieser kleinen Hütte so gewöhnt hatte.

Text: Karin Heindl, Lena Lanzinger, Alexandra Sewald

Illustration: Hochschule Rosenheim / Fakultät für Innenarchitektur, Architektur und Design

Foto: Thorsten Monschein, monschein.me