Wir Millennials stehen angeblich für nicht viel. 

Das könnte auch an der Zeit liegen, in der wir erwachsen werden

Die Abriss-Dekade?

Bei vielen Jahrzehnten klappt die Namensgebung so gut, bei den Golden Twenties etwa oder den Swinging Sixties. Warum fällt
es uns nur so schwer, den 2010ern einen Titel zu geben? Was prägt unsere Erinnerungen, wovon werden wir den Enkeln erzählen und was wird in den Geschichtsbüchern stehen? Höchste Zeit für eine Analyse.

 

Denken wir an den ersten Sommer dieser Dekade zurück, saßen wir an einem iPod Touch – ein iPhone hatten nur die Reichen – auf dem Schulhof und spielten Angry Birds oder Doodle Jump. Dieses vierbeinige, grüne Wesen mit dem Tröten-Schnabel
begleitete nahezu jeden durch langweilige Unterrichtsstunden. Und heute? Wir gelten als die Generation Y – die, die ihr Leben nur durch das Smartphone wahrnimmt. Immerhin haben wir jetzt alle iPhones, aber immer noch kein Geld.

„I came in like a wrecking ball!“ 

Digital hat sich tatsächlich einiges getan: Das analoge Musikmedium wird durch Streamingdienste wie Spotify und Co. 

ersetzt. Da kann schon mal Miley Cyrus nackt auf einer Abrissbirne wie ein Wreckingball einschlagen. Die mobile
Internetnutzung ist durch LTE jetzt wesentlich schneller. Die Kehrseite des naiven Umgangs mit sozialen Medien wurde selbst uns Digital Natives erst viel zu spät bewusst. Posteten wir früher fröhlich alle Bilder auf Facebook, mussten wir erkennen, dass der Konzern unsere Daten weitergibt. Irgendwie paradox, dass unser geliebtes Facebook auch Plattform für sehr viel Schlimmes sein kann, Hasskommentare, Fake News und Cybermobbing.

„You are Fake News!“

 

Stichwort Fake News: Einer der wichtigsten Begriffe dieser Dekade. Alles fing so gut und authentisch an, als Barack Obama in das Weiße Haus einzog. Und er machte es gut, setzte das Versprochene weitestgehend in die Tat um. Umweltschutz war ihm wichtig, zwei Amtszeiten lang. Und mit dem 08.11.2016 sollte sich alles ändern? Ein weltfremder, frauenfeindlicher und jähzorniger Multimillionär, der sogenannte alternative Fakten vor tatsächliche stellt, wird mächtigster Mann der Welt. All das Gute, wofür lange gekämpft wurde, reißt er mit seiner zackigen Unterschrift nieder. Umweltschutz – ein Thema, das für Millen-
nials wichtig und alltäglich geworden ist – scheint nun unerreichbar. Dass das Klima eher eine Sorge der Generation Y ist, wird durch den Dieselskandal deutlich, den weiße alte Männer zu verantworten haben.

 

„Pussy grabs back!“

Es fällt uns schwer, mit vielen Verhaltensweisen der Baby-Boomer d’accord zu sein. Reden wir von Gleichberechtigung, fallen auf der anderen Seite Sätze wie: „Grab them by the pussy.“ Während wir uns über eine solidarische Europäische Union freuen, heißt es woanders „Brexit“. Und während für uns Globalisierung und Vielfalt selbstverständlich sind, werden Zugewanderte zurück geschickt. Wenigstens haben wir jetzt die Ehe für alle. Ein Thema, das für Millennials schon längst keines mehr gewesen wäre. Wir waren in vielen Angelegenheiten doch schon so weit: Emanzipation, Klimawandel, Frieden. Und plötzlich müssen wir uns mit einer #MeToo-Debatte auseinandersetzen, uns gegen Politiker, die die Erderwärmung leugnen, wehren und mit „One Love Manchester“ gegen den Terror halten. Denn der ist in dieser Dekade zur schrecklichen Normalität geworden.

 

Obwohl wir viel geschafft und einiges vorangetrieben haben, fühlt es sich an, als müssten wir in vielem ganz von vorne starten. Wir haben aufgebaut und es wurde abgerissen. Ist es vielleicht das, wofür diese Dekade steht? Abriss? Scheinbar vergeudete Mühe und Zeit? Nein, diesen Stempel wollen wir nicht aufgedrückt bekommen. Wir sind eine weltoffene und meinungsstarke Generation. Noch haben wir eineinhalb Jahre Zeit, das Beste aus unserem Jahrzehnt zu machen. Aufgeben wegen Burn-Out? Sowas kennen wir Millennials nicht.

Text: Anja Katharina Kempski, Mario Mirschberger

Illustration: Julia-Sophie Gebhard