Grenzen verschwimmen

Mitte 2018. Schon wieder ist ein Jahrzehnt fast vorbei. Bald beginnen die 20er Jahre dieses Jahrhunderts.

Mit geschärftem Blick schauen wir zurück auf die Meilensteine der Modewelt und nach vorn.

Welche Ereignisse sind haften geblieben und welche Entwicklungen treiben sie voran? Ein Jahrzehnt voller Grenzüberschreitungen und Gegensätze: Nachhaltigkeit und Innovation,  Feminismus und Transgender,

Aufbruch und Tradition. 

2010

Exzentrik mit Tiefgang. 

Fleischbeschau bei den MTV Video Music Awards. 

Sie wäre nicht Lady Gaga, wenn sie sich nicht völlig gaga auf den roten Teppichen präsentieren würde. Bei der Musik-Gala sorgte nicht nur der Preisregen, sondern auch ihr Outfit aus rohem Fleisch für Aufsehen. Bleibt die Frage warum? Weil Lady Gaga für die Klatschspalten ein gefundenes Fressen ist? Vor allem dann, wenn die Pop-Diva mal wieder blank zieht. Oder ein Statement an jene, die Frauen nur als ein Stück Fleisch ansehen? Aufruf zum Veganismus oder eben gerade eine Provokation für diese wachsende Bewegung? Auf jeden Fall ein Grund, nachzudenken!

 

2011

Verschwimmende Grenzen. 

Wenn sich Mann und Frau kaum noch voneinander unterscheiden.

Aufsehenerregend war Andreja Pejic. Als erstes Transgender-Model präsentierte sie bei der Pariser Fashion Week für John Paul Gaultier sowohl Herren- als auch Damenmode. Eigentlich sollte das Spiel der Geschlechter doch seit den 80ern kein Thema mehr sein, als Männer Rüschenhemden trugen. Doch nun erst kam es so richtig in Fahrt.  Drei Jahre später betrat Conchita Wurst die Bühne beim Eurovision Song Contest und holte für Österreich den Sieg. Natürlich wegen ihrer grandiosen Stimme, aber eben auch durch ihr Aussehen. Transgender ist seither in aller Munde. 

 

 

2012

Vorsicht beim Einsteigen. 

Turbulente Fahrt mit dem Modehaus Louis Vuitton ins Jahr 1854.

Spaktakulär präsentierte der damalige Chefdesigner von Louis Vuitton, Marc Jacobs, seine Herbst-Winter Kollektion bei der Pariser Fashion Week. Er verwandelte die Kulisse in einen Bahnhof und das mit allem drum und dran: von der großen Bahnhofsuhr über Gleis und Bahnsteig, bis hin zu einer echten Dampflok. Eine Hommage an den Gründer, der 1854 in Paris ein Geschäft für hochpreisige Reisekoffer eröffnete. Ganz im Retro-Trend, wie sich Jacobs auf die Wurzeln des Hauses besonnen hat. Nur auf Nachhaltigkeit legte er dabei nicht viel Wert. Allein für die Dampflok soll er schlappe sechs Millionen Euro verschleudert haben - und das für nur einen Abend. Wer achtet bei Modeschauen schon auf die Kosten? Man denke nur an Karl Who?! Dafür kann man dann ja billig in Asien und Osteuropa produzieren.  

2013

Vorwärts in die Zukunft. 

Mode kommt aus dem 3D-Drucker.

Iris van Herpen präsentierte 2013 ihre erste Herbst-Winter-Prêt-à-Porter Kollektion. Die niederländische Designerin wird zu den einflussreichsten Vordenkerinnen in der Modebranche gezählt. Warum? Ihr Stil ist futuristisch, avantgardistisch und experimentell. Ihre Technik ist revolutionär. Ihre Kollektionen kommen aus dem 3D-Drucker und sie benutzt ungewöhnliche Materialien wie Acrylglas oder Polyamid. Wer weiß, vielleicht drucken wir in den 2020er-Jahren unsere eigene Kleidung? 

2014

And the Oscar goes to …

Pharrell Williams macht der Filmpreisverleihung Beine.

Bei der Oscar-Verleihung in der Kategorie „Beste Filmmusik" ging Pharell Williams leider leer aus. Dafür überraschte er mit seinem Oben-und-Unten-ohne-Auftritt auf dem roten Teppich: Ohne den gewohnten Hut und mit kurzer Hose. Und das bei dem Event, wo sich die Stars und Sternchen so richtig in Schale werfen. Somit hat er definitiv als Stilikone die Regeln eines sonst so formellen Events gebrochen. Umso mehr hätte Pharell an diesem Abend für seinen Auftritt eine Auszeichnung verdient. Naja, beim nächsten Mal – und vielleicht dann besser mit Hut. 

 

 

2015

Yeezy, Maria und Josef! 

Ein limitierter Adidas-Sneaker lässt Menschen in die Shops pilgern.

Scharenweise standen Leute vor geschlossenen Geschäften. Zahlreiche Camper hatten schon Tage zuvor auf den Straßen ihre Zelte aufgeschlagen, um sich auch ja einen Platz in der Schlange zu sichern. Den Yeezy Boost 350 wollten alle haben. Und das nur, weil ein gewisser Kanye West den Schuh designt hatte. Wer einen ergatterte und weiter verkaufte, konnte vom Gewinn schon ein wenig auf großem Fuß leben. Sondereditionen sind ein Hype – doch in diesem Fall ist der vielleicht bald vorbei. Hartnäckig halten sich Gerüchte um eine Massenproduktion. 

 

 

2016

Einmal Postbote.

Wenn das DHL-Shirt die Kasse klingeln lässt 

Das Designer-Label Vetements von Demna Gvasalia sorgte für Aufsehen, als es auf der Pariser Fashion Week seine Kollektion für Sommer und Frühjahr vorstellte. Darunter ein stinknormales DHL T-Shirt. Das gute Stück sollte auch noch 245 € kosten – ein wahres Schnäppchen. Allem Anschein nach waren Modeliebhaber ganz scharf auf das Paketboten-Shirt. Kleiner Tipp an die gelben Männer und Frauen: Stellen Fashionjunkies beim nächsten DHL-Boten-Besuch die Frage, wem es besser steht, dann sollte die Gegenfrage lauten: Möchten Sie nicht einfach für mich einspringen? Es warten noch unzählige Päckchen.

 

 

2017

Köpfchen statt Sexismus. 

Pussy Hats marschieren gegen Mr. President.

Kaum zu glauben, dass Donald Trump einen  Modetrend auslösen konnte. Mr. President sorgte mit seinen frauenfeindlichen Äußerungen „grab them by the pussy“ für gerechtfertigte Empörung. Unter dem Slogan “Pussy grabs back” demonstrierten 700.000 Frauen und Männer auf den Straßen von Amerika. Viele davon mit pinkfarbenen Strickmützen in Form eines Katzenkopfes, den sogenannten Pussy Hats. Auch Designer wie Ashish setzten ein politisches Statement mit der gleichen Aufschrift auf Glitzer-Tops. Angela Missoni präsentierte in ihrer F/W-Kollektion ebenfalls Pussy Hats. Die #metoo-Debatte zeigte später ebenfalls ganz deutlich, dass der Weg noch lang ist, bis sich der ebenfalls fashionable Wunsch „We should all be feminists“ erfüllt. 

 

2018

Dschungelfieber. Eine uncoole Werbekampagne.

Anfang des Jahres sorgte das Modeunternehmen H&M mit seiner Werbung für Empörung: Ein farbiger Junge in einem Pullover mit der Aufschrift “Coolest Monkey in the Jungle”. Im Netz folgte ein Aufschrei, man warf dem schwedischen Konzern Rassismus vor. Die Aktien fielen, Stars kündigten die Zusammenarbeit. H&M entschuldigte sich, man glaube „an Vielfalt und Inklusion“. Es mangelte an Sensibilität, vielleicht waren unbewusste Vorurteile im Spiel. Hoffentlich weht der Shitstorm auch, wenn Label ganz bewusst dunkelhäutige Kinder ihre Kleidung nicht tragen, sondern nähen lassen.

 

2019?

KI-Mode. 

Alexa, übernehmen Sie!

Was 2019 noch passieren wird, ist schwer zu sagen. Vielleicht entwirft Alexa ihre eigene Mode-Kollektion und diese wird zu einem Mega-Hype. Vor allem Siri und Co. sind ganz scharf auf ihre Teile. Nur eine Spinnerei? Wir werden sehen, was und womit uns die Mode im nächsten Jahr und die nächsten Jahrzehnte überraschen wird. Vielleicht mit künstlicher Intelligenz. Aber natürliche wäre auch schon ganz nett. 

Text: Anja Kempski

Illustration: Lena Lanzinger