10 Uhr

Morgens – Abends

Was passiert eigentlich zur selben Zeit an verschiedenen Orten? Momentaufnahmen von Geburten nach Stundenplan und Konzerten ohne Applaus

Bahnhofsviertel, 10 Uhr morgens

Der Münchner Hauptbahnhof ist ein Phänomen per se. Eine Miniatur aus Ghetto-Vibes und fernöstlicher Straßenkultur, in der sich Luxushotels zwischen Dönerbuden und Striplokale zwischen großen amerikanischen Café-Ketten aneinanderreihen. Neben der Haltestelle Hauptbahnhof Nord sortiert Ali auch heute das Obst auf seinem Stand. Leicht bräunlich gefärbte Minibananen zu den Datteln, grüne Avocados zu den überreifen Flugmangos – eine Art Obst-Tetris. Die prominent platzierte Ananas an der Kasse ist ebenso ein Blickfang wie der Südländer selbst. Ali trägt gerade zwei lange Holzbretter in Richtung seines Lieferwagens, als zwei Männer strebsam, aber unsicher im Gang auf den Obststand zutorkeln. Einer von ihnen verliert beinahe das Gleichgewicht, als er nach einer Mango greift und letztlich mit triumphierendem Grinsen eine der benachbarten Birnen zu fassen bekommt. Wenig unauffällig steckt er sie in seine Jackentasche, wo kurz zuvor mit Sicherheit eine Bierflasche Platz fand. Und mit Sicherheit nicht die einzige. Ali eilt vom Lieferwagen zurück und auf die beiden Männer zu, droht den beiden laut und bestimmend mit Polizei, und der Mann gibt die Birne zurück. Ali führt unbeirrt seine Arbeit fort. Die Mandarinen zu den Trauben. 4,99 Euro das Kilo. Heidelbeeren zu den Himbeeren. Auf dem Weg zurück zum Lieferwagen beißt er genüsslich in eine Nektarine.

Krankenhaus, 10 Uhr morgens

Mit Geburten verhält es sich inzwischen ähnlich wie mit Friseurbesuchen: Termine werden „vereinbart“ und mit Geschäftsreisen, Lieblingsdaten und Mondkonstellationen abgestimmt. Das erlebt zumindest Hebamme Regina regelmäßig in ihrem Berufsalltag. Auch heute hat sie bereits zwei Kaiserschnitte erfolgreich hinter sich gebracht – einer steht planmäßig noch bevor. Ein kurzer Blick aufs Handgelenk: 10 Uhr. Also noch genug Zeit, sich einen schnellen Nougat-Merci-Riegel (Marzipan hatte sie gestern schon aufgegessen) zu genehmigen. Pausen gibt es für die Hebammen kaum, sodass die Schokoriegel echte „Life-Saver“ und ein Wundermittel gegen Unterzuckerung sind. Gerade als sie sich auf den Weg zur Kaffeemaschine machen möchte, klingelt der Alarm. Ein Notfall! Nun ist schnelles Handeln gefragt. Ohne zu zögern, macht sie sich auf den Weg zum OP und stürzt sich in den Strom routiniert dahineilender Ärzte. Gerade läuft sie die letzten Meter des Ganges entlang, als eine der Oberärztinnen mit einer Kinderärztin zusammenstößt – einer dieser Momente, in dem trotz aller Hektik die Zeit für einen kurzen Moment stillsteht. Wie gefoulte Fußballer (nur weniger leidend) bleiben beide kurz liegen, bevor sie sich aufrappeln und unbeirrt ihrer Arbeit nachgehen. 

„Da zeigen sie im 

ersten Programm doch 

immer ,Sturm der Liebe‘.“

– Marianne, 74, Rentnerin,
Wohnzimmer, 10 Uhr morgens

Stadtzentrum, 10 Uhr morgens

In Großstädten gibt es keine Tageszeiten im konventionellen Sinne: Die Abendstunden 

werden zur Hauptgeschäftszeit und der Morgen so zu einer Drehbuch-Goldgrube für jegliche Reality-Formate. Irgendwo zwischen Bäckerei und Spielothek tragen zwei Polizisten einen Mann – zwischen Wachkoma und Drogen-Delirium – an Händen und Füßen. „Du weißt, warum ich das gemacht habe?“, fragt der eine ihn laut. Vermutlich spielt er auf das Mittel an, das er ihm vorher zum Erbrechen verabreicht hat. „Hast du noch mehr Drogen dabei?“ Außer einem ausdruckslosen Blick gen Himmel und einem seichten Sabbern ist aber von Seiten des Mannes keine Antwort zu erwarten. Einige Meter weiter öffnen die ersten Geschäfte die Türen.

Konzertsaal, 10 Uhr abends

Bei dem Konzert des Pianisten, dem sogar ein Sir-Titel verliehen wurde, erwartet die Zuschauer eine Symphonie aus Schumann, Brahms, Mozart, Bach, Beethoven und peinlich berührter Stille. Die Uhr schlägt 10, als der Musiker das Publikum mit Klavierstücken auf Weltniveau begeistert – und kein Einziger sich traut, auch nur einen Mucks zu tun. Denn lediglich einige Minuten zuvor versetzte der Pianist den Saal in schockierte Stille, als er plötzlich aufstand, sich die Ohren zuhielt und von der Bühne in den Backstage-Bereich stürmte: eine Szene, wie aus einem Schwarz-Weiß- Stummfilm. Das Publikum ist irritiert: Man hatte doch lediglich applaudiert? „Das Klatschen stört den Künstler“, erklärt einige Minuten später der Veranstalter die Flucht, „wir bitten um Ihr Verständnis.“ Wenige Minuten später kehrt der Akteur zurück, doch die Anspannung löst sich erst, nachdem er den Abend klangvoll zu Ende gebracht hat: Als der Pianist die Finger von der Klaviatur nimmt, den Schemel zurückschiebt und im Sitzen eine Verbeugung andeutet, beginnt das Publikum erneut – wenn auch zuerst sehr zaghaft – zu applaudieren. Dieses Mal bleibt der Meister sogar auf der Bühne.

Dienst in der Psychiatrie, 10  Uhr abends

Mein erster Nachtdienst. Und dann auch noch direkt die Männerstation. Eigentlich bin ich bisher wirklich zufrieden mit meiner Arbeit auf der geschlossenen Suchtstation, die Nachtschicht ist mir allerdings nicht ganz geheuer. Plötzlich sehe ich das komplette Sechsbettzimmer gesammelt auf mich zukommen. Was die Männer nur wollen? „Können wir bitte den Ordner haben?“, fragen sie. Ich: „Welchen Ordner?“ Ob das ein versteckter Code ist, den ich kennen müsste? Oje, nicht dass es jetzt irgendeinen Trouble gibt! „Den Ordner mit den Flyern vom Pizza-Lieferdienst.“ Ich habe keine Ahnung, wo der ist, aber ohne das Schwesternzimmer zu betreten, können mir die Männer ganz genau erklären, wie ich ihn finde. Während wir uns dann gemeinsam eine Pizza aussuchen, fühle ich mich ein wenig in diese Schullandheim-Euphorie zurückversetzt, in der man zwischen guten Gesprächen und schlechten Witzen alles um sich herum vergisst. Aber auf meine Pizza freue ich mich schon. Und auch auf meinen nächsten Nachtdienst.

„Sehr geehrte Damen und Herren, unser Zug hat heute leider 80 bis 90 Minuten Verspätung, da der Lokführer noch nicht da ist.“

– Abendliche Durchsage der Deutschen Bahn,

ICE, 10 Uhr abends

Hinter der Bar, 10 Uhr abends

Gerade einmal 22 Uhr – bedeutet: Erst zwei Stunden Arbeit sind geschafft. Heute ist einer dieser Abende, an dem die Zeit einfach nicht vergehen will. Dem Mädchen an Tisch zwei geht es da bestimmt nicht anders. Sie hat bereits die Hälfte ihres Rosés ausgetrunken und scheint noch immer zu warten. Ich beobachte, wie sie eine pinke Plastikbürste – so eine, wie sie irgendwie jede hat – aus ihrer Handtasche zieht und sich damit durch die Haare geht. Ein paar stehen elektrisch aufgeladen ab. An Abenden wie diesen, wo eben wenig los ist, beobachte ich gerne meine Gäste und überlege mir, welche Geschichten sie haben. In diesem Moment geht die Tür auf und ein Junge mit Brille und lässigem Männerdutt betritt die Bar, schaut sich um und bestellt einen Gin Tonic – der Wodka-O dieser Tage. Ich bin sicher: Er ist das Date des Mädchens. Bestimmt Tinder! Während ich überlege, ob ich mir als Belohnung, falls ich recht habe, einen Gin Tonic genehmigen werde, begrüßt er sie mit einer verlegenen Mischung aus Wangenküsschen und Umarmung. „Entschuldigung, dass ich zu spät bin“, sagt der Junge, „ich hatte noch Training!“ „Ach, ich bin auch noch gar nicht lange hier“, lügt das Mädchen. „Stimmt, du spielst Fußball, das stand ja in deinem Profil.“ 

Tinder also. Somit ist mir der Gin Tonic wohl sicher. 

Aufzeichnung: Monique Schultheis

Illustration: Julia-Sophie Gebhard