Die 10 Gebote –

gelten sie auch für die Mode?

Zwischen Body-Positivity, Pelzfarmen und Markenwahn – Welche Bedeutung haben die zehn Gebote in der Modeindustrie? Sind sie wegweisend oder schon längst aus der Mode gekommen?

Du sollst keine anderen Götter neben mir haben

Nur für die Wenigsten ist Glaube noch der Lebensmittelpunkt. Denn Gott hat starke Konkurrenz bekommen:

Wir selbst stehen im Zentrum unseres Handelns. Selbstoptimierung ist zum Pflichtprogramm geworden.

Deshalb verbringen nicht nur Fashion Victims mehr Zeit in der nächsten Zara-Filiale als in der Kirche.  

Der persönliche Look ist für viele längst zur Religion geworden.

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Du sollst dir kein Bild zum Anbeten machen


Viele Menschen verehren angesagte Labels, verfallen in einen regelrechten Markenwahn und kleiden sich beispielsweise im Chanel-All-Over-Look – Statement-Gürtel und Logo-Sonnenbrille voran. Die Modefirmen treiben den Designer-Wahn auf die Spitze, indem sie ihre Kreationen nur noch für Shootings herausgeben, wenn Modemagazine gewährleisten, dass sie die Teile nicht mit anderen Marken kombinieren. Full-Look-Policy nennt sich das, und treibt Stylisten in den Wahnsinn.

Du sollst den Namen des Herren nicht missbrauchen

Die Mode liebt es, mit Provokation zu spielen. Dass Religion dabei so eine große Rolle spielt, ist sicher kein Zufall. Es liegt daran, dass die Kirche besonders viel Angriffsfläche dafür bietet. Konsequent nimmt die Branche religiöse Codes auf, überspitzt sie, interpretiert sie. Beispiele gefällig? Anna Wintours erstes Vogue-Cover und das Thema der diesjährigen Met-Gala, „Heavenly Bodies“. Die Kirche hingegen macht sich im 21. Jahrhundert kaum mehr die Mühe, öffentlich Kritik an der Mode zu üben.

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Du sollst den Feiertag heiligen

Im Original ist hier der Sonntag gemeint. Die christlichen Feiertage sollen aber allgemein Tage der Besinnung und Andacht sein. In westlichen Kulturen sind sie jedoch eher Gelegenheiten, Freunde und Familie mit Geschenken zu überhäufen. Vor allem an Heilig Abend, dem der Black Friday vorausgeht. Dieser Tag läutet in Amerika mit zahlreichen Rabattaktionen aller bekannten Modeabels die besinnliche Weihnachtszeit ein. Tausende Menschen kampieren dann entweder vor riesigen Einkaufszentren, um zur Ladenöffnung ins Geschäft zu stürmen und sich die größten Schnäppchen zu sichern – oder sie lauern vor dem Computer, um online die besten Deals abzuräumen. Merry Christmas!

Du sollst Vater und Mutter ehren

Oft finden wir es nicht so richtig schick, was unsere Eltern tragen – und umgekehrt genauso. Logisch, dass sie sich auf Anhieb nicht so in Schlangenprint-Shirts für 500 € und Fell-Mules à la Alessandro Michele verlieben können wie wir. Unsere Eltern haben uns unseren Körper geschenkt. Dass sie sich auch später noch ein Mitspracherecht wünschen, ist verständlich.  Das Erbe zu wahren, ist offenbar auch auch für die großen Luxus-Traditionsmarken existentiell. Das geht erstens so weit, dass die Labels Mütter und Töchter gleich stylen und zweitens, dass der Erfolg manchmal aber erst durch die Decke geht, wenn man sich von all dem löst, was die Vorgänger-Generation predigt – das zeigt nun wieder Signore Michele von Gucci mit seinen Fell-Schlappen.

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Du sollst nicht töten

Das Gebot, das in unserem Wertekodex die größte Gewichtung hat, sollte in der Modebranche eigentlich die selbe Relevanz haben. Doch die Gesundheit und das Leben von Menschen wird bei der Herstellung von Kleidung zu oft bedroht. Das wissen wir nicht erst seit dem Rana-Plaza-Unglück in Bangladesch. Leider werden auch nach wie vor Tiere getötet, um Pelzmäntel, Lederprodukte und Fellbommel herzustellen. Nach zahlreichen Tierschutz-Aktionen und -Demonstrationen scheinen die Nerzträger zwar rarer geworden zu sein und oft auf Fake Fur zurückzugreifen, die Produktion geht dennoch weiter. 

Du sollst nicht die Ehe brechen

Eine Ehe in Deutschland dauert durchschnittlich 14 Jahre. In der Modebranche halten Verbindungen meist noch kürzer. Eine Liebe wie die zwischen Chanel und Karl Lagerfeld ist eine Seltenheit. Stattdessen vergeht kaum ein Monat, in dem es keinen Wechsel an der schöpferischen Spitze großer Designhäuser gibt. Neue Kreativdirektoren treten ihren Job an, um kurzfristig die Umsätze zu steigern und frischen Wind in verstaubte Ateliers zu bringen. Gefühlt zwei Tage später müssen sie diese oft schon verlassen, um zur nächsten Station im Designer-Karussell aufzubrechen. 

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Du sollst nicht stehlen

Es glitzert und funkelt im Schaufenster – und schon ist es weg. Diebstahl ist keine Seltenheit in der Modeindustrie. Das bezieht sich nicht nur auf den konkreten Gegenstand im Laden. Auch das Kopieren von Logos und die Produktion von Plagiaten sind ein gängiges Phänomen. Das weiß jeder, der einmal die Strandpromenade in Bulgarien oder der Türkei entlang gegangen ist. Die Produktpiraterie ist in den letzten Jahren sogar salonfähig geworden. Wir alle unterstützen sie mit unserem Einkauf bei Zara, Mango und Topshop, die Key-Pieces vom Runway aufgreifen, abwandeln und auf die Verkaufsflächen bringen, bevor das Original in die Läden kommt.

Du sollst nicht falsch reden über deinen Nächsten

Man muss es ihr lassen: Momentan macht die Modebranche ja wirklich alles dafür, ihren Ruf als Verein überkritischer Lästerschwestern loszuwerden. Body Positivity ist der Lifestyle der Stunde und ermöglicht, dass Dehnungsstreifen, Fettpölsterchen und Achselhaare endlich auch mal Modefotos in Hochglanzmagazinen zieren dürfen. Dass diese Toleranz nicht endlos ist , erfahren nicht nur modische Dauer-Sorgenkinder wie Mariah Carey, die eigentlich nur nur noch mit fragwürdigen Outfits in die Klatschspalten kommt. Auch Publikumslieblinge müssen fürchten, wegen eines einzelnen Fashion-Faux-Pas von Modebranche, Medien und Fans einen Shitstorm zu kassieren. Siehe Selena Gomez nach der Met Gala.

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Du sollst nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut

Ein bisschen neidisch zu sein, auf die neue Designer-Tasche der besten Freundin oder die Schuhe mit der roten Sohle der Chefin, ist ein Gefühl, das jeder kennt.  Kritisch wird es erst, wenn Teenager denken, sie brauchen 700 € Sneakers von Balenciaga und eine 1.600 € Tasche von Gucci, um halbwegs modisch angezogen zu sein. Caro Daur, Farina Opoku und Marie von Behrens sind die Vorbilder, die auf Instagram diese Maßstäbe vorleben. Dass alles nur gesponsert ist, steht höchstens im Kleingedruckten.

Anmerkung: Die hier zugrunde gelegte Fassung der 10 Gebote entspricht der anglikanischen, reformierten und orthodoxen Version. Zum Vergleich: die lutherisch und römisch katholische Version

Text & GIFs: Miriam Chisti & Martina Fuhri